Online-Aktivist: FBI-Akte über Aaron Swartz veröffentlicht – SPIEGEL ONLINE – Netzwelt

Online-Aktivist FBI-Akte über Aaron Swartz veröffentlicht

Einen Monat nach dem Tod des Online-Aktivisten Aaron Swartz hat ein Blogger dessen FBI-Akte angefordert und veröffentlicht. Das Dokument zeigt, warum und mit welchen seltsamen Methoden die Bundesbehörde schon 2008 gegen Swartz ermittelte – zwei Seiten fehlen allerdings.

 

Internetaktivist: Schon 2008 ermittelte das FBI gegen Aaron Swartz

REUTERS

Internetaktivist: Schon 2008 ermittelte das FBI gegen Aaron Swartz

Am 11. Januar wurde Aaron Swartz tot in seiner Wohnung in Brooklyn aufgefunden.Nun hat der Blogger Daniel Wright die FBI-Akte des Online-Aktivisten und Mitbegründers der Website Reddit im Internet veröffentlicht. Die US-Bundesbehörden machen Ermittlungsakten nach dem Tod der betreffenden Person automatisch zugänglich. Wright forderte eine Kopie an, obwohl er nicht glaubte, dass eine solche Akte überhaupt existiert. Denn seiner Meinung nach war Swartz „nicht wirklich ein Krimineller“.

 Doch das FBI schickte 21 Seiten. Sie zeigen: Die Behörde wurde 2008 auf Aaron Swartz aufmerksam, als er die Bezahlschranken der Justizdatenbank Pacer umging und 18 Millionen Seiten kostenpflichtiger Dokumente herunterlud. 20 Prozent des gesamten Bestands, die er anschließend gratis ins Netz stellte. Während Beobachter wie dailydot.com die Aktion nicht für illegal halten, weil Swartz bloß ein Schlupfloch genutzt habe, sprach das FBI damals von 1,5 Millionen Dollar Schaden und begann zu ermitteln.

Schwer zu observieren

Die Bundesagenten verfolgten die IP-Adressen der Downloads zu Swartz‘ Haus nahe Chicago zurück. Die Überwachung des Gebäudes war jedoch schwieriger als gedacht: Zu viele Bäume und Häuser seien im Weg, zu wenig andere Autos parkten auf der Straße, vermerkten die Agenten in der Akte. Das Risiko, entdeckt zu werden, sei zu groß. Die Observierung wurde abgeblasen.

Stattdessen versuchte das FBI, auf anderen Wegen etwas über den Aktivisten herauszufinden: Die Ermittler kopierte Informationen aus dem Internet. In der Akte finden sich Angaben aus Swartz‘ Facebook-Profil, von seinem Blog oder seiner Seite bei LinkedIn. Etwa dass er Mitglied einer Organisation namens „Langzeit-Planungskomitee für die menschliche Rasse“ sei. „Ein Tipp für Straftäter“, spottet ein Daily-Dot-Autor darüber: „Wenn du das FBI auf eine falsche Fährte locken willst, streue einfach ein paar Lügen in deinem Social-Media-Auftritt.“

Lebensgefahr für Informanten?

Bei seinem nächsten Coup hatte Swartz weniger Glück. 2010 zapfte er im Massachusetts Institute for Technology (MIT) fünf Millionen wissenschaftliche Artikel aus der digitalen Bibliothek JSTOR ab. Das MIT sah von einer Klage ab, doch die Justiz war weniger nachsichtig. Swartz wurde wegen Betrugs und Datendiebstahls angeklagt, ihm drohten bis zu 35 Jahren Haft und eine Million Dollar Geldstrafe. Doch bevor der Prozess beginnen konnte, fand Swartz‘ Freundin ihn im Januar tot in seiner Wohnung.

Zum Pacer-Fall habe das FBI ihm nur 21 von 23 Seiten der Ermittlungsakte geschickt, schreibt Daniel Wright, zwei Seiten seien zurückgehalten worden. Unter anderem mit der Begründung, dass andernfalls das Leben eines Menschen in Gefahr sei. Ist das ein Hinweis auf einen Informanten in Swartz‘ Umfeld? Diese Frage stellt sich Wright nun und schreibt: „Ich bin ehrlich gesagt immer noch verwirrt.“

tib

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Nach dem Austauschjahr in den USA: Zurück in Trump-Land

Nach dem Austauschjahr in den USA – taz.de

Zurück in Trump-Land

Vor einem Jahr war unsere Autorin Austauschschülerin in den USA. Nun kehrte sie zurück und fragte: Seid ihr jetzt wirklich glücklich?

Die Autorin Paulina Unfried auf einer langen Straße im Nirgendwo

Das Stadtkind auf den Straßen von MinnesotaFoto: Paulina Unfried

Als ich am Minneapolis-Saint Paul International Airport aus dem Zollbereich komme, sehe ich als Erstes zwei Rednecks mit „Make America Great Again“-Shirts.

Phil und Alex. Meine Freunde. Ich habe sie während meines Auslandsjahres in der Jugendgruppe der Kirche kennengelernt. In der Schule waren sie ja fast nie. Als wir in ihrem Pick-up auf den Highway 12 auffahren, frage ich sie, ob sie sich die Trump-Shirts extra für meine Begrüßung gekauft haben.

„Das hättest du wohl gerne“, sagt Alex.

Da hat er recht.

Anderthalb Stunden später fahren wir in unser Dorf ein. Direkt am Ortseingang steht das „Abtreibung ist Mord“-Schild. Und jetzt fühle ich mich wieder zu Hause. Das ist so ein „Alles so wie immer“-Gefühl. Alles so, wie es war, als ich vor knapp einem Jahr zurück nach Deutschland ging.

Nur dass Donald Trump jetzt tatsächlich Präsident ist.

Vor der Dorfkirche steht eine junge Frau. Sie ist groß, weiß, hat lange, blonde Haare. Das ist ­Ashlie. Meine Ashlie.

Sonntags in der Kirche: Hat der Priester gerade gesagt, dass Trump der neue und bessere Jesus ist?

Ich springe aus dem Pick-up, um sie zu umarmen, und was ist das Erste, was ich zu hören kriege?

„Ich hab dir gleich gesagt, dass Hillary keine freaking Chance hat, Paulina.“

Ah, richtig, man muss hier immer schön „freaking“ sagen. Statt „fucking“. Damit alles christlich und sauber bleibt.

Ich hatte Ashlie zu Beginn meines Auslandsjahres verachtet. Sogar verabscheut. Sie war für Trump, ich war für Hillary. Ich hasste Trump, sie hasste ­Hillary.

Ich bin aufgewachsen in einer wannabe-progressiven Blase in Berlin-Kreuzberg und gehe auf eine erst recht wannabe-progressive Privatschule in Mitte.

Als ich vor 550 Tagen in diesem 1.500-Menschen-Dorf ankam, um ein Jahr dort zur Highschool zu gehen, konnte ich kaum begreifen, wo ich gelandet war. In dem Amerika der Maisfelder, weit weg von San Francisco und New York, wo ich eigentlich hinwollte.

Ein US-Straßenschild vor Einheitshäusern

Alles christlich und friedlich, freaking statt fucking.Foto: Paulina Unfried

Meine Freundin Ashlie ist in einer ganz anderen Blase aufgewachsen, ihre Familie ist Mitglied einer streng christlichen Kirche. Wie die meisten hier. Nicht nur Sex vor der Ehe ist verboten, sondern sogar Nagellack. Hätte Gott gewollt, dass du rote Nägel hast, hätte er dich mit roten Nägeln erschaffen, ist ja logisch.

Alle haben auf Facebook die amerikanische Flagge als Profilbild, alle lieben das Jagen. Im Fernsehen und im Radio läuft Fox News in Dauerschleife. Darauf basiert dann auch das politische Wissen oder auf den noch schlimmeren Snapchat News, bei denen der Aufmacher vor Kurzem lautete: „Kylie Jenner hat einen dritten Nippel.“

Für den Großteil der Menschen hier würde es nie infrage kommen, einen Politiker zu unterstützen, der für Abtreibung, Globalpolitik und strengere Waffengesetze ist. Sie sagten mir immer, dass Clinton sich für alle anderen einsetzt, nur nicht für sie.

„Alles Fake News“

Ich wurde zum Glück nicht zum Trump-Fan bekehrt, es dauerte aber eine ganze Weile, bis ich nachvollziehen konnte, warum es aus der Perspektive der Menschen hier richtig erscheint, Trump zu wählen. Vor allem brachten sie mir bei, dass man andere Meinungen respek­tieren kann, auch wenn sie noch so weit der eigenen entfernt sind.

Seitdem nehme ich es Leuten übel, wenn sie von den dummen Trump-Wählern sprechen, denn Ashlie ist alles andere als dumm.

Nichtsdestotrotz habe ich meine Lust am Diskutieren nicht verloren, und so knurre ich noch vor der Umarmung: „Du weißt aber schon, dass ­Hillary das Popular Vote hatte?“

Clinton hatte 2,9 Millionen Stimmen mehr. Allerdings alle in Kalifornien.

„Alles Fake News, totale Unwahrheiten“, antwortet Ashlie routiniert, „Hast du noch nie ­etwas von der Silent Majority gehört?“ Sie meint die Leute, die nicht zur Wahl gegangen sind, aber angeblich alle für Trump gestimmt hätten.

In meinem Jahr hier in Minnesota habe ich gelernt, dass es menschlichen Beziehungen guttut, auch mal nichts zu sagen, also schweige ich, ziehe die linke Augenbraue hoch, und wir umarmen uns endlich.

Ein paar Tage später, an einem Samstagnachmittag, treffen wir uns vor dem Dairy Queen, wie immer. Das ist eine globale Fast-Food-Kette aus Minnesota. Die einzige, die in unserem Dorf eine Filiale hat. Phil und Alex lassen ihre Autos davor stehen, dann cruisen wir zu viert in Ashlies 850-Dollar-Karre durch die Felder in ein Nachbardorf, um dort ein Baseballspiel anzuschauen und später auf eine Party zu gehen. Die haben dort auch einen McDonald’s Drive-through, das ist unser erstes Ziel.

Große Autos stehen in der Straße, keine Menschen sind zu sehen, dunkle Wolken

Niemand auf der Straße, nur PickUps und ZebrastreifenFoto: Paulina Unfried

Die Jungs sind heute ohne Trump-Shirts gekommen, tragen dafür die Hoodies mit dem Schullogo, so wie die meisten es hier tun.

Beide sind Seniors, also im letzten Highschooljahr, und müssen jetzt ihren Abschluss machen. Sie gehen aber immer noch kaum zur Schule, weil das nichts für Coole ist. Bringt einem keine Reputation, im Gegensatz zu dem Hoodie. Der dient dem Gemeinschaftsgefühl. Beide haben überhaupt keine Idee, was sie nach der Schule machen wollen. Das liegt daran, dass sie nicht wissen, was sie von der Zukunft wollen. Und weil sie denken, dass sie keine Zukunft haben.

Ich erzähle ihnen, dass und warum die meisten Deutschen Trump täglich schlimmer finden. Für sie völlig unlogisch.

„Er unternimmt endlich etwas gegen Abtreibungen, bietet anderen Ländern die Stirn, beschützt unsere Gewehre und somit die Verfassung und lässt keine Terroristen mehr ins Land. Was soll daran falsch sein?“, sagt Ashlie.

„Alles“, sage ich.

Trotzdem kann ich nachvollziehen, warum sie so denkt: Für Abtreibung sein, das ist für sie genauso schlimm wie für mich Rassismus.

Vorbei mit der Toleranz?

Alle drei haben meinen taz-Artikel „Allein unter Trump-Kids“ gelesen und wollen wissen, wie das alles an diesem fremdartigen Ort namens Deutschland angekommen ist.

„Hmm, einige Leute haben euch besser verstanden, aber andere beleidigten mich als Trump-Liebchen oder Trump-Fan“, sage ich.

Alle drei lachen, für sie total abwegig.

„Es ist also vorbei mit der Toleranz im toleranten Berlin, sobald es ans Verstehen von Trump-Wählern geht?“, fragt Alex.

Daraufhin schweige ich.

„So ist das immer mit den Linken und Demokraten, die sind kein Stück besser als wir, wenn es um Respekt geht, auch wenn sie es denken“, sagt Phil.

Wieder ziehe ich die linke Augenbraue hoch.

Dann ist es, als hätte man den Radiosender gewechselt, denn alle drei reden nur noch über „Prom“, den Abschlussball der Highschool. Ashlie ist in einer sehr entspannten Lage, denn sie hat das dafür zwingend vorgeschriebene Date bereits. Ein Senior hatte sie mit einem Plakat geworben, auf dem ihr Kopf, sein Kopf und der Kopf von Donald Trump aufgeklebt war. Darüber stand der Slogan: „Let’s make Prom great again“. Da konnte Ashlie natürlich nicht Nein sagen.

Unsere Autorin ist im Seitenspiegel eines Autos zu sehen

Pläne für den Abend? Drive-through!Foto: Paulina Unfried

Vermutlich hatte das Plakat die Mutter des Jungen gebastelt. Diese rituelle Romantik müssen hier meistens die Mütter beisteuern.

Als wir beim Baseball ankommen, ist die kleine Stahltribüne bereits voll. Ich kriege noch den allerletzten Platz, das ist der neben Mrs. Bellter. Meine ehemalige Politiklehrerin hatte uns Schüler auf Parallelen zwischen Obama und Hitler aufmerksam gemacht. Sie ist Ende vierzig und fühlt sich als eine Art Über-Mum ihrer Schülerinnen, die sie mit Tipps auf das Leben vorbereitet.

Sofort erzähle ich ihr etwas weinerlich, wie unfair ich es finde, dass nun statt einer kompetenten Frau ein Mann Präsident ist, der sich derart unflätig über Minderheiten und Frauen äußert.

„Schätzchen“, sagt Mrs. Bellter, „so reden doch alle Männer untereinander, meiner inklusive.“ Sie lacht herzlich. „Das wirst du auch noch sehen.“ Das sei „ganz natürlich“.

„Außerdem ist dieser Lockerroom-Talk nun wirklich schon Ewigkeiten her“, sagt Ashlie, die neben mit sitzt.

„Schätzchen, weißt du, vielleicht gibt es einfach bestimmte Positionen in der Welt, die besser durch Männer besetzt sind“, sagt Mrs. Bellters dann noch.

Dann ist das Spiel zum Glück aus.

„Ashlie, deprimiert dich das denn gar nicht?“, sage ich, als wir zu zweit zum Auto zurücklaufen.

„Was?“

„Der Gedanke, dass du nicht alles erreichen kannst, nur wegen deines Geschlechts?“

Ashlie überlegt. „In meinem Leben spielt das keine Rolle“, sagt sie. Sie möchte zwar studieren, aber eigentlich will sie Mutter sein. Und acht Kinder haben. In ihren Kreisen haben alle acht Kinder. Mindestens. Eigentlich wollen sie so viele Kinder wie möglich. Darum geht es doch im Leben einer Frau.

„God sent us Trump“

„Als Trump gewählt wurde, habe ich ein paar Tränen geweint“, sage ich.

„Ich weiß“, antwortet sie leise.

Dann kommen auch die Jungs zum Auto.

Auf dem Nachhauseweg hören wir „Who runs the world? Girls“ von Beyoncé. Ashlie kann den ganzen Text auswendig und singt enthusiastisch mit.

Am nächsten Tag ist Sonntag. Alle sind in der Kirche, und wehe denen, die es nicht sind.

Dem netten Priester ist total feierlich zumute.

„God sent us Trump,“ ruft er mit euphorischer Stimme. Gott hat uns Trump gesandt.

„Let’s have faith that he will bring the much needed change upon us.“ Lasst uns daran glauben, dass er den Wandel bringt, den wir so dringend brauchen.

Die guten Christen halten ihre Hände vor sich gefaltet, schauen fromm und nicken. Ich beuge mich zu Alex hinüber: „Hat er gerade gesagt, dass Trump der neue und bessere ­Jesus ist?“

Er schaut verwundert über meine scheinbar schwächelnden Englischkenntnisse. Ich trenne meine Hände voneinander und falte sie während des gesamten Gottesdienstes nicht mehr. Am anderen Ende der Kirche sitzt Ashlie mit ihrer Familie und grinst zu mir rüber. Sie weiß mal wieder genau, was ich denke.

Auf einem Zeitschriftencover sieht man Hillary Clinton

„Hillary, die russische Spionin“Foto: Paulina Unfried

Nach dem Gottesdienst bin ich bei Ashlies Familie zum Brunch eingeladen. Es ist ein warmer Tag, so um die 25 Grad, und das schöne weiße Haus liegt direkt am See. Die ganze Familie hat sich heute versammelt. Fünf von Ashlies zehn Geschwistern sind älter als sie, keiner ist schon 30, aber alle sind verheiratet und haben Kinder.

Es ist richtig rührend, zu sehen, wie glücklich sich Ashlies Mutter durch das Chaos ihrer Enkel und Kinder bewegt. Ihre eigene jüngste Tochter ist fünf.

Auch mich umarmt sie. Wie immer hat sie für mich extra etwas Vegetarisches gekocht. Sie erzählt mir stolz, dass sie sich jetzt auch einen Twitter-Account eingerichtet hat. Damit sie Donald Trump folgen kann. Sie liest am liebsten @ real­DonaldTrump, weil es ihr bei @ POTUS, dem offiziellen Account des amerikanischen Präsidenten, zu gediegen zugeht. „Endlich mal Informationen aus erster Quelle“, sagt Ashlies Mutter.

„Einmal hat Trump an einem Tag nichts gepostet. Mom war total enttäuscht“, sagt Ashlie und kichert ein bisschen, während alle Erwachsenen am Tisch Platz nehmen.

„Auf unseren Präsidenten“, sagt einer von Ashlies älteren Brüdern.

„Auf einen Rassisten und Frauenfeind stoße ich nicht an und schon gar nicht mit Leuten, die ihn gewählt haben“, zischt Maureen, die älteste Schwester von Ashlie.

„Keine Politik“, sagt Ashlies Mutter. Sie klingt etwas besorgt.

Aber es ist zu spät, Maureen steht auf und stürzt aus dem Raum.

„Was war das denn?“ frage ich Ashlie.

„Es ist schrecklich,“ sagt sie leise, „aber Maureen ist jetzt eine Demokratin.“

„Ach, was?“ antworte ich laut, „Warum wusste ich davon früher nichts?“

„Vor Trump war es noch nicht so extrem und außerdem, denkst du, wir wollen das an die große Glocke hängen?“

Wir hören draußen den Automotor anspringen.

„Pussies fight back“

„Es tut mir leid, dass du das mitbekommen hast“, sagt Ashlies Mutter zu mir beim Aufräumen in der Küche. Dafür sind auch in Minnesota die Frauen zuständig. Sie wäscht schweigend ein paar der Teller ab, die nicht mehr in die Maschine passen. Dann fügt sie hinzu: „Maureen geht nicht mal mehr zur Kirche, kannst du dir so etwas vorstellen?“

Ashlies Mutter sieht unendlich traurig aus.

„Ich will doch nur das Beste für mein Kind“, murmelt sie in sich hinein.

„Die Sache ist die: Wir finden Maureens politische Einstellung nicht toll, aber sie ist diejenige, die unsere Meinung weniger respektiert als wir ihre“, sagt Ashlie, als sie mit einem Stapel neuer Teller hereinkommt.

Na ja, sie hadern schon auch, aber es stimmt: Ashlie hatte auch mich deutlich weniger wegen meiner Meinung verurteilt als ich sie.

Abends klicke ich mich durch Maureens Bilder auf Instagram und sehe, dass sie beim Women’s March und der Anti-Muslim-Ban-Demonstration in Minneapolis dabei war. Man sieht sie Schilder hochhalten: „Pussies fight back“ und „Make Racists afraid again“. Sie und ihr Mann sind Mitglieder einer Bewegung mit dem Namen „Minnesota Resist“, die Widerstand gegen Trumps Regierung leisten will. Ein Bild zeigt die beiden mit ihren zwei süßen Kindern. Da­runter schreibt Maureen, dass sie niemals aufgeben wird, für ein bessere Zukunft für ihre Kinder zu kämpfen. Alle vier lachen auf dem Bild so schön, dass man das Gefühl hat, die Welt sei bereits ein wundervoller Ort.

Auf einem Zeitschriftencover sieht man Donald Trump

„Trump erklärt Diktatoren den Krieg“Foto: Paulina Unfried

Am nächsten Tag hänge ich mit ein paar Freunden am Parkplatz der Tankstelle ab. Wie überall in Minnesota blicken wir auf einen großen See, hören Countrymusik, und die Jungs kauen Tabak.

Dann sehe ich eine Frau mit langen blonden Haaren beim Tanken. Maureen. Ich zögere einen Moment, dann traue ich mich, auf sie zuzulaufen und ihr die große Frage zu stellen.

„Wie hast du es geschafft, aus der politischen Meinung hier auszubrechen?“

Sie sagt, es sei ganz simpel. Sie sei aus dem Dorf herausgekommen, sei gereist, New York, Europa, und unterwegs habe sie sich verliebt. In einen Demokraten. „Vorher konnte ich das Geschwätz meiner Familie noch ausblenden, aber mit Trump wurde es echt zu viel.“ Sie und ihr Mann suchen gerade nach einem Haus, am liebsten in Minneapolis, das ist die einzige Großstadt von Minnesota, dort gibt es viele, die so denken wie sie.

Während sich die meisten Familien in der Realität Mühe geben, Emanzipationsgeschichten und Brüche geheim zu halten, ist das in den sozialen Medien ganz anders: Hier scheint jeder seine Meinung herauszubrüllen.

„Embrace Diversity“

Bei Ted ist das auch so. Er ist der Großvater der Familie, in der ich während meines Auslandsjahres lebte. Damals hat er nie offen darüber gesprochen, dass er für Clinton war. Und ich war nie auf seinem Facebook-Profil. Letztens postete Ted einen Artikel der New York Times, in dem Trumps „Muslim Ban“ heftig kritisiert wurde. Darunter kommentierte einer seiner besten Freunde: „Es ist schlau, dass du versuchst, dich zu bilden, doch dumm, dich dabei auf solche Fake News zu beziehen.“

Daraufhin wurde Ted wütend und es entbrannte ein riesiger Streit, der damit endete, dass die beiden sich über Facebook gegenseitig als „White Trash“ und „Hillbilly“ beschimpften. Seitdem reden sie in der wirklichen Welt kaum mehr miteinander, und wenn, dann nur da­von, was die Kinder so machen.

Ich treffe Ted an einem Dienstag bei „Dairy Queen“. Er ist Mitte 60, war früher Bürgermeister unseres Dorfs und sagt gern, er habe es „eigenhändig vorangebracht“. Jetzt arbeitet er an meiner ehemaligen Highschool und hat heute sein „Embrace Diversity“-T-Shirt an, also übersetzt so was wie: „Heiße Vielfalt willkommen“. Das müssen alle Schulangestellten dienstags tragen. Natürlich sind 99 Prozent der Leute an der Schule Weiße.

„Trump is a fucking idiot“, sagt Ted. Er gehört zu den wenigen im Dorf, die nicht „freaking“ sagen. Er hält das für verlogene Etikette und gilt insgesamt als schwierige Persönlichkeit. Mehr als 40 Leute haben ihm auf Face­book die Freundschaft gekündigt, seit er dort Stellung gegen Trump bezieht.

Eine triste Tankstelle, keine Menschen, dicke Wolken am Himmel

Oft hing Paulina Unfried mit Freunden an der Tankstelle ab. Bei Countrymusik, die Jungs kauten TabakFoto: Paulina Unfried

2016 war das erste Mal in seinem Leben, dass er demokratisch gewählt hat. „Clinton hat meine Stimme bekommen, weil ich mich mit Politik auskenne und meine religiösen Prinzipien nicht so stark sind, dass sie meinen Verstand ausschalten“, sagt er. „Schon irgendwie skurril, viele hier dachten, Trump wird uns und unsere Familien stärken, dabei hat er das Gegenteil bewirkt, er hat einige von uns weiter voneinander entfernt“.

Ich frage ihn, wann die Leute hier anfangen werden, Trump und seine Politik kritischer zu sehen.

„Es geht hier um den amerikanischen Stolz“, sagt er. „Die Leute werden sich nicht eingestehen, dass Trump schrecklich ist. Und dass sie Idioten sind, weil sie ihn gewählt haben.“

Es ist ganz schön paradox: Ich habe von diesen Menschen mühsam gelernt, andere Posi­tionen zu respektieren. Und jetzt, ein Jahr später, fällt ihnen das selbst schwer. Es ist auch paradox, dass ich mich ernsthaft frage, ob die Konservativen in manchen Aspekten nicht sogar liberaler sind als die scheinbar Progressiven. Weil mein Eindruck ist, dass sie Gegenargumente eher ertragen.

Trumps Wahlsieg hat Freundschaften zerstört und Familien gespalten, er hat sie nicht wieder „groß“ gemacht, sondern kleiner.

„Mein Mann und ich fragen uns jetzt oft, was wir in der Erziehung von Maureen falsch gemacht haben“, hat Ashlies Mutter zu mir an dem Abend in der Küche gesagt.

Dann hat sie geweint.

Quelle: Nach dem Austauschjahr in den USA: Zurück in Trump-Land

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Streicheleinheiten inklusive: Einmal Katze und Kuchen, bitte

Morgen eröffnet Hamburgs erstes Café, in dem die Tiere zum Konzept gehören. Fast ausschließlich vegane Speisen.

Hamburg.  An Cafés herrscht in Hamburg wahrlich kein Mangel. Bald kann man aber nicht nur Latte macchiato und Espresso trinken, sondern dabei auch noch mit Katzen schmusen – vor-ausgesetzt, man hat keine Tierhaarallergie. Denn am Freitag öffnet Hamburgs erstes Katzencafé seine Türen. Das Café Katzentempel gibt es schon in München und Nürnberg, Hamburg kommt nun als dritter Standort dazu.

Sechs Katzen streifen hier ab Freitag zwischen den Gästen umher, die vegane Kuchen und Speisen sowie unterschiedliche Kaffee-Kreationen serviert bekommen.

So kommen Sie hin

„Ich wollte mich schon immer selbstständig machen“ sagt Rilana Rentsch, die alleinige Geschäftsführerin des Cafés. „Das war praktisch eine Blitzexistenzgründung“, sagt die 29-Jährige. Im November vorigen Jahres hat Rentsch ihren vorherigen Job gekündigt und das Katzencafé in München kontaktiert, von dem sie dann die Lizenz für ihren eigenen Katzentempel erworben hat.

Das erstaunliche Konzept, Café und Katzen zu kombinieren, stammt ursprünglich aus Asien. In Taipeh, der taiwanesischen Hauptstadt, hat bereits 1998 das erste Katzencafé eröffnet. Rentsch hält diese Cafés jedoch für zu kommerziell, denn meist seien es Touristenattraktionen.

Bei Rentsch steht der Tierschutzgedanke im Vordergrund: „Alle sechs Katzen sind von Tierschutzorganisationen gerettet worden.“ Fünf der Katzen stammen aus Irland und wurden dort von der Organisation Puss in Boots gerettet. Kara Schott und ihre Mutter haben die Organisation gegründet und pflegen dort Katzen und Hunde, die ausgesetzt worden sind.

Alle Tiere sind sehr zutraulich

„Wir haben natürlich darauf geachtet, dass wir keine traumatisierten Katzen nach Hamburg gebracht haben. Bis auf eine sind alle sehr zutraulich“, sagt Kara Schott, die in Hamburg lebt. Sollte den Katzen der Trubel im Café doch einmal zu viel werden, haben sie drei Rückzugsorte, zu denen Gäste keinen Zutritt haben: einen zum Schlafen, einen mit dem Katzenklo und einen Ort zum Fressen.

Vor der Eröffnung des Cafés musste Rentsch auch die Zustimmung des Veterinäramts und der Lebensmittelhygiene einholen. „Bevor ich den Mietvertrag unterschrieben habe, wurde die Location erst mal geprüft“, sagt Rentsch. Viele Elemente des Ladenkonzepts wurde aus dem Café in München übernommen. Von 10 bis 20 Uhr hat das Lokal geöffnet, die Katzen werden von 7 bis 23 Uhr betreut und sind damit nur wenige Stunden allein im Laden. Ins Freie dürfen die Katzen jedoch nicht, laut Rentsch haben sie aber in dem umgebauten Kiosk genügend Platz, um sich auszutoben oder zurückzuziehen.

Und was ist, wenn eine Katze auf dem Tisch den Kuchen klauen will? „Dann greifen wir natürlich ein“, versichert Rentsch. Das Essen sei aber eher uninteressant für die Tiere, denn alle Speisen sind vegan – und Katzen seien bekanntlich Fleischfresser. „Nur bei der Kuhmilch für unsere Kaffeekreationen haben wir eine Ausnahme gemacht“, so Rentsch. Alles andere von Frühstück über Lunch und Kuchen bis hin zum Abendessen sei alles vegan. „Ich will mit dem Café auch den Veganismus an die Leute bringen“, sagt Rentsch.

Tiere dürfen nicht hochgehoben werden

Damit das Café auch für die Katzen angenehm ist, müssen die Gäste sich an einige Regeln halten. Die Tiere dürfen nicht hochgehoben, gefüttert, gejagt oder mit Blitz fotografiert werden. Die Katzen sollen sich zu Hause fühlen und nicht belästigt werden, „dann kommen sie auch ganz von allein bei den Gästen zum Schmusen“, erklärt Rentsch. Seinen eigenen Hund oder seine Katze darf man ebenfalls nicht mit in das Lokal nehmen. „Das würde die Katzen stressen, wenn hier ein fremdes Tier ins Café kommt“, sagt die Café-Betreiberin.

Die Resonanz für das neue Café sei groß, die Reservierungen trudelten bereits ein: „Besonders für die ersten Tage und Wochen, speziell am Wochenende, sollte man unbedingt reservieren“, sagt Rentsch, am besten mindestens zwei Tage vor dem geplanten Besuch. Sie möchte sichergehen, dass niemand enttäuscht wieder gehen müsse.

Alle sind willkommen

Zielgruppe sind laut Rentsch Menschen, die gerne ein Haustier hätten, aber keine Zeit haben, um sich darum zu kümmern. Im Katzencafé können sie dann gemütlich an den zusammengewürfelten Tischen und Stühlen sitzen, Kaffee genießen und dabei mit den Tieren kuscheln. „Natürlich sind auch alle anderen Tierfreunde bei uns willkommen“, versichert Rentsch.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.

Quelle: Streicheleinheiten inklusive: Einmal Katze und Kuchen, bitte

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Prof. Rainer Mausfeld: Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert?

Prof. Rainer Mausfeld: Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert? – YouTubeIn diesem Video erklärt der Professor für Allgemeine Psychologie an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, wie die Demokratie durch Meinungsmanagement gesteuert wird. Dabei spannt er einen Bogen, beginnend vor rund 200 Jahren bis in die Gegenwart.

Quelle: Geraspora*

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Riot Medics Berlin

„Das Spiel ist jetzt vorbei!“ – Statement der Riot Medics Berlin zur Nacht vom 07. – 08.07.2017 im Hamburger Schanzenviertel
Als Gruppe Riot Medics waren wir während des G20-Gipfels in Hamburg seit Donnerstag, 6. Juli auf den Straßen unterwegs. Mit signalfarbenen Uniformen waren wir als Sanitäter_innen zu erkennen und jederzeit ansprechbar. Wir standen verletzten Menschen bei und übernahmen die medizinische Erstversorgung in Situationen, in denen offizielle Rettungsdienste keine Versorgung gewährleisten konnten.
Wir verstehen uns nicht als politischer Akteur, die Einschätzung dieses Wochenendes überlassen wir anderen. Nach einigen Tagen irritierender Presseberichterstattung sehen wir allerdings die Veröffentlichung eines Gedächtnisprotokolls aus der Freitagnacht zum Polizeieinsatz im Hamburger Schanzenviertel dringend geboten.
Als sich am Freitagabend die Situation auf der Schanze zuspitzte und auch für uns unübersichtlicher wurde, richteten wir mit Hilfe der Berliner Left-Demo-Medics und der Bewohner_innen eines Hauses auf dem Schulterblatt eine Versorgungsstation in einem Hausflur gegenüber der Lerchenstraße ein. Dorthin konnten wir verletzte Personen aus akuten Gefahrenzonen bringen, untersuchen, behandeln, gegebenenfalls Kontakt mit Rettungsdiensten aufnehmen und ihren Abtransport organisieren. Letzteres wurde aufgrund von Polizeisperren und Barrikaden im Laufe des Abends zunehmend schwieriger.
Als kurz nach Mitternacht das Gebiet von Polizei-Einheiten gestürmt wurde, beschlossen wir, im Haus zu bleiben. Mit uns im Haus befanden sich zahlreiche Patient_innen, die weiterführende medizinische Versorgung in einem Krankenhaus benötigten, sowie deren Angehörige. Insgesamt waren es etwa 18 Personen. Darunter war ein Patient, dessen Zustand es erforderte, ihn liegend ins Krankenhaus zu transportieren. Versuche, einen Krankenwagen auch nur in die Nähe der Schanze zu bekommen, waren erfolglos gescheitert und so warteten wir im Hausflur, bis sich die Situation auf den Straßen wieder beruhigen würde.
Etwa um 00:50 Uhr, nachdem offenbar einige Straßen von Barrikaden geräumt wurden, verließen drei der Sanitäter_innen das Haus, um ihren Heimweg anzutreten. Vor der Haustür trafen sie auf eine Gruppe von Beamten einer nicht näher erkennbaren Spezialeinheit der Polizei, die sich dem Hauseingang näherte. Sie wiesen die Beamten darauf hin, dass sich in diesem Hausflur Sanitäter_innen und Verletzte befänden.
Im Hausflur selbst kam kurz darauf ein Bewohner die Treppe hinunter und sagte, er sei von der Polizei angewiesen worden, die Haustür von innen zu öffnen. Nachdem er die Tür öffnete, betraten mehrere mit Maschinengewehren bewaffnete Spezialkräfte den Flur, befahlen uns die Hände zu heben, einer von ihnen rief: “Das Spiel ist jetzt vorbei”. Direkt hinter der Eingangstür lag der schwerverletzte Patient eingewickelt in Rettungsdecken mit laufender Infusion. Im Erdgeschoss sowie auf den Treppenstufen saßen ausschließlich markierte Sanitäter_innen, in den oberen Stockwerken warteten weitere Patient_innen.
Mit Sturmhauben und ballistischen Westen ausgerüstet zielten die Spezialkräfte auf Köpfe und Oberkörper mehrere Sanitäter_innen im Treppenhaus. Sie forderten uns auf, uns nicht zu bewegen und die Arme oben zu halten, sonst würden sie von ihren Schusswaffen Gebrauch machen. Die grünen Laser-Zielhilfen aus den Gewehrläufen blieben über die gesamte Zeit auf die Oberkörper derjenigen gerichtet, die im Erdgeschoss und im Treppenhaus für die Polizisten sichtbar waren.
Zwei Sanitäter und eine Ärztin, die bei dem schwerverletzten Patienten am Hauseingang geblieben waren, wurden aufgefordert, den Patienten aus dem Haus zu tragen. Er sollte hinter einem gepanzerten Polizeifahrzeug abgelegt werden. Die zwei Sanitäter sollten sich mit den Händen an eine Hauswand und auseinander gespreizten Beinen aufstellen. Währenddessen waren aus einem anderen Haus mehrere Detonationen und Ramm-Geräusche zu hören. Einem der Sanitäter wurde der Lauf einer Waffe in den Rücken gedrückt mit den Worten „Augen nach links, oder es knallt“. Die Ärztin blieb bei dem Patienten, bis wir aufgefordert wurden ihn zu einem RTW außerhalb der Polizeiabsperrung zu bringen.
Wir übrigen im Hausflur verbliebenen Menschen wurden aufgefordert, langsam und mit erhobenen Händen nach unten zu gehen. Während die Zielfernrohre auf uns gerichtet blieben, mussten wir einzeln das Haus verlassen. Einige wurden abgetastet, durchsucht und bei erneuter Androhung des Schusswaffengebrauchs zur absoluten Kooperation genötigt.
Nach Verlassen des Hauses wurden wir nicht weiter beachtet. Wir blieben auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen und warteten das Ende des Einsatzes ab. Was sich währenddessen und anschließend im Haus abspielte, entzieht sich unserer Kenntnis. Nach etwa 30 Minuten, als die die Spezialkräfte das betreffende Haus verlassen hatten, durften wir zurück in den Hausflur gehen um unserer Ausrüstung zu holen. In Begleitung von Polizeibeamten wurden wir schließlich in Richtung Neuer Pferdemarkt bis vor die Polizeikette geführt.
Die Situation ging für uns am Ende glimpflich aus. Dennoch standen die meisten der im Haus befindlichen Sanitäter_innen unter Schock und mussten ihre freiwillige Arbeit für den Rest des Wochenendes beenden. Mindestens drei Personen nahmen daraufhin psychologische Nothilfe in Anspruch.
Bereits rund um die zerschlagene Demonstration am Donnerstag bekamen wir Helfende ein hohes Maß an Gewalt und Brutalität zu sehen. Gegen Mauern gedrückte Menschen, panisch fliehende Männer und Frauen. Das Erlebnis auf uns gerichteter Maschinengewehre wird darüber hinaus ein einschneidendes bleiben. Und es wirft für uns die Frage auf, ob bei der bisherigen medialen und politischen Aufarbeitung der Geschehnisse eine ausreichende Auseinandersetzung mit der Verhältnismäßigkeit des Einsatzes bewaffneter Polizeikräfte stattfindet.
Riot Medics Berlin

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G20-Drehbuch per Twitter: „Das Wunder von Hamburg“

Aus einem Tweet zu G20 entsteht auf Twitter der Plot für die beste deutsche TV-Serie, die nie gedreht werden wird. Oder doch, ZDF?

Der Rauch über den Barrikaden in Hamburg hatte sich noch nicht ganz verzogen, da schlug Twitterin „Nicht Steffi @sefa_nie“ die Verfilmung des Dramas vor. „Idee: ZDF-Film, Titel ‚Das Wunder von Hamburg‘: Anna (Veronika Ferres) will während G20 nur kurz zu Edeka, verhindert unterwegs Plünderungen“, schrieb sie bei Twitteram Montag – und löste damit im Laufe der Woche ein Ideenfeuerwerk aus, das mittlerweile locker für eine ganze Serie reichen würde.

Die taz hat die wichtigsten Vorschläge herausgefiltert und leicht sortiert, damit die Spielfilmredaktion des ZDF für ihr nächstes Projekt nicht so lange suchen muss:

Der Plot

@sefa_nie: „Idee: ZDF-Film, Titel ‚Das Wunder von Hamburg‘: Anna (Veronika Ferres) will während G20 nur kurz zu Edeka, verhindert unterwegs Plünderungen“

@fernsehchat: „… hilft danach beim Aufräumen und trifft danach Bernd, Polizist, die Liebe ihres Lebens.“

@sefa_nie: „…für den sie Mark, ihren Arschlochehemann, verlässt. Bernd ermutigt sie daraufhin, als Kanzlerin zu kandidieren.“

@ShorthandedNews: „Herzzerreißend die Szene, als sie sich zufällig im Autohaus treffen.“

@gruenegabi: „…und gerade noch das Abfackeln des schönen neuen Autos verhindern… fahren damit in den Sonnenuntergang.“

@UliBecher: „Doch nur kurz – die Kandidatur wartet schließlich auf sie und nach zwar intrigendurchsetzter letztlich erfolgreicher Wahl zahllose Aufgaben.“

@ThomasMichael71: „Verliebt sich in einen Vermummten, dem die Maske herunterrutscht, als er ihre Wassermelonen aufhebt. Macht ihn nachdenklich. Hochzeit!“

@eulenfrisch: „Anna lernt mitten der Schlacht den Undercover Polizisten Mathias Brandt kennen der durch den Steineschmeißer Ingo Naujocks auffliegt.“

@K_Luep: „Gemeinsam retten sie eine kleine Katze vorm Wasserwerfer. Der gefühlskalte Arschlochehemann ist enger Mitarbeiter von Olaf Scholz“

@MobiTigger: „und mittendrin der Polizist, hin und her gerissen zwischen Hörigkeit dem Staat gegenüber und der Menschlichkeit – Daniel Brühl.“

@82rockabilly: „Auf dem Heimweg fängt sie heldenhaft einen vom Dach geworfenen molli auf so dass dieser glücklicherweise nicht auf einen Wasserwerfer landet“.

@Farnkraut: „…und verliebt sich in einen Pizzaboten.“

Flüchtlinge und Weltfrieden

@MBermeitinger: „Ich glaube, dass sie sich in einen gut aussehenden italienischen Chaoten verliebt, der der Gewalt abschwört. Dann retten sie ein Kind.“

@StabeUlf: „Es ist ein unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan. Sie wollen es adoptieren, doch da erscheint die leibliche Mutter, die …“

@MBermeitinger: „…dann mit d. Paar an d. Spitze einer bunten Tanzdemo z. G20 zieht + eine Rede hält. Putin + Trump weinen. Weltfrieden“

@Sociopathblog: „Die Geister von Helmut Schmidt und Mutter Teresa, die im Himmel ein Paar wurden, ermuntern Anna nun Putin und Trump zu trauen. #Ehefueralle“

@AAmuc: „Als Tochter eines Kohlenhändlers fühlt sie sich zum Schwarzen Block hingezogen.Der schwarze Kapuzenpulli war ja die Berufskleidung d. Vaters“

@EvaDahlmann: „Total unglaubwürdig, solange die Ferres nicht auch noch die herunter gewirtschaftete Reederei ihre tragisch verstorbenen Vaters rettet…“

@robalef: „Unterwegs bringt sie den einsatzleiter und den dj im autonomen lautsprecherwagen zusammen: zwillinge, bei der geburt getrennt“

@WMMAMM: „Und kommt wieder mit ihrem Ex-Mann und Vater ihrer Kinder zusammen, der Polizist beim G20-Einsatz ist.“

@WildEastBerlin: „Plottwist: Sie wird für einen Nazi gehalten und in die Rote Flora verschleppt“

@disgusti: „Und mit Uwe Ochsenknecht als Schwarzer Block.“

Wo bleibt Til Schweiger?

@christophnebgen: „Anna ist hin- und hergerissen zw. d. sympathischen Sponti (M. Bleibtreu) u. d. harten Cop (Til S.), heiratet a.E. d. Fililaleiter (J. Krol).“

@ihoelt: „Ich hatte schon kurz befürchtet, niemand würde Til S. ins Spiel bringen“

@LamarEtHenry: „TIL.S pflegt sie wieder gesund und sie schwimmen die Elbe hinab in den Sonnenuntergang.“

@KerstinSchmidt2: „Bei all den Ideen fehlt noch, das adoptierte Waisenkind, dessen Mutter auf der Flucht mit ihm aus Syrien kurz vor Hamburg gestorben ist.“

Weitere Taten der Heldin

@newborl: „Unterwegs müsste sie auf jeden Fall noch einen verletzten Vogel retten und das Bernsteinzimmer finden.“

@sefa_nie: „…sowie die Berliner Mauer zu Fall bringen, die in der Zwischenzeit (Teil 2-3) spontan wieder aufgebaut wurde.“

@newborl: „eigenhändig mit einem Presslufthammer!“

@Bwaaaaak: „Könnte The Hoff die nicht wieder niedersingen?“

@newborl: „Aber nur, wenn sich zwischendrin rausstellt, dass er der vermisste und im Krankenhaus vertauschte Zwillingsbrudi von ihr ist.“

@newborl: „Als er die Mauer umgesungen hat, wird er von einem Brocken getroffen und sind muss vor Ort eine Hirn-OP durchführen, schließlich. Kein Problem für Sie, denn bevor sie was mit Medien machte, hat sie 1 1/2 Semester Medizin studiert.“

Weitere Gastrollen

@grumpy_bear23: „Ist Guido Knopp mit im Boot?“

@sefa_nie: „Ja natürlich, irgendwo auf jeden Fall.“

@FotoRagazzo: „Und als Journalistin eines Boulevardblattes vllt Ina Müller, bloß nicht die Schöneberger.“

@gereonas: „Franz Xaver Kroetz bekommt einen Kurzauftritt als Reporter Baby Schimmerlos, dem überraschend vom BKA die Akkreditierung entzogen wird.“

@twielerin: „Und Heino Ferch? Macht der den #Dudde?

@sefa_nie: „Der kann mehrere Rollen auf einmal übernehmen, Weltschauspieler!“

@ria612: „Jürgen Vogel als bester Kumpel des männlichen Hauptdarstellers sorgt für die Lacher und verliebt sich in Annas beste Freundin“

@tremoniacerveza: „Man vergaß die Rolle des schon leicht debilen Reederei Vaters mit D.Hallervorden zu besetzen, schließlich will der Jhrg.1950 auch weinen“

@dkdenz: Da ist doch bestimmt noch ’ne Rolle für Natalia Wörner als Möbelverkäuferin drin, oder?“

@Elsa_Kreter: „Und Elias M. Barek von gibt wieder den sympathischen gut integrierten Türken von nebenan?“

@mariobeyer: „Heino Ferch als Fleischfachverkäufer Martin!“

@AndreasWendt: „Ja aber was ist mit dem Blumenladen von Stefanie Stappenbek?“

@HjP2014: „Könnte man Markus Lanz noch irgendwie einbauen?“

@sefa_nie: „Najaaa ok, der kann das Making-Of kommentieren“

@fetter_nerd: „Und wo ist Hitler in dieser Geschichte?“

@stadtwildnis: „Ich würde mir den anschauen, unter der Bedingung, das Corinna Harfouch (die deutsche Meryl Streep!) Merkel spielt“

@ScarlettDan: „Bitte vergesst das gerettete, wohlerzogen, süße Kleinkind nicht, das für spontane Lacher und Weisheit sorgt“

@KatinaLatina: „Ich scrolle und scrolle …. und niemand denkt an Katja Riemann? Wie kann das denn sein?“

@blablubb0r: „Aber warum, warum gerade die Ferres?“

@sefa_nie: „Weil es IMMER die Ferres ist. Oder die Neubauer natürlich.“

@blablubb0r: „Das macht’s nicht wirklich besser“

@sefa_nie: „Natürlich nicht, aber es war ja von Anfang an nicht gut“

Das große Fest

@neb68: „Sie verliebt sich in den vermummten Prinzen und verteilt in der Schlußszene die Lebensmittel des geplünderten Edeka an 10.000 Bedürftige.“

@sefa_nie: „Bedürftige Plünderer!“

@neb68: „… und müde, hungrige Polizisten; und alle feiern zusammen ein großes Fest.“

@AvantGarden74: „Sie rettet Melania beim Konzert in der Elphi vor Donald, der Europa daraufhin via Twitter den Krieg erklärt. Abspann. Fortsetzung folgt.“

@Quadrateule: „Es sollte unbedingt einen Zwischenstopp auf der Titanic geben, die irgendwie gerade im Hamburger Hafen liegt. Kreuzfahrtterminal.“

Es fehlen noch Tiere

@myrkwaldr: „Hast du nicht die beinah Insolvente Biobäuerin mit dem dreibeinigen Hund vergessen?“

@elkeraberg: „….irgendwas mit Adel und Ponyhof fehlt noch. Vielleicht mit dem Pony zu Edeka reiten und dabei noch das Auto eines Grafen retten. Kussfinale“

@sefa_nie: „Wie konnten wir alle bisher den Immenhof vergessen?? Damn.“

@elkeraberg: „und alle sammeln für Ethelbert, sein Fahrrad wurde ja vom schwarzen Block angezündet…“

@iCaramba: „Nur echt, wenn ein Hund in letzter Sekunde vor den Flammen flieht.“

Der schwule Heiko

@Dr_Stahl_: „Und Sky DuMont spielt den Polizei-Einsatzleiter,der sich in sie verliebt, aber nicht lieben darf, weil er ja mit seinem Mann verheiratet ist“

@sefa_nie: „Ok wir haben schon einige Anwärter für den secret lover, da müssen wir anscheinend echt noch casten“

@Dr_Stahl_: „Hey, aber Sky DuMont. Verstehste? Er ist Chehef. Und mit nem Mann verh. Weil „Ehefüralle“-Bezug, und so. Voll im Trend.“

@euerMaedchen: „Oder Sky Dumont spielt den Noch-Ehemann von Anna, stellt aber fest dass er schwul ist und heiratet Heiko mit dem er schon ein Jahr fremdgeht“

@Dr_Stahl_: „Welchen Heiko? Grundsätzlich bin ich einverstanden. Es kommt aber doch darauf an, jetzt den richtigen Heiko zu benennen.“

@Dr_Stahl_: „Ich dachte, es sei ein echter Heiko. Vllt sogar ein Maass. Hmm… Nun muss ich erst einmal neu denken…“

Wo soll das alles enden?

@diealge: „Mist, ich bin raus, die Ereignisse überschlagen sich. Wer wird der männliche, starke, aber doch auch sehr sensible Polizist?“

@sefa_nie: „Pssst, aber: ich hab auch den Überblick verloren. Ich glaub, Sky du Mont oder Benno Führmann“

@MatthiasPump: „Wenn ich mir das alles so durchlese, wird es sowas wie ein GZSZ-Verschnitt mit Starbesetzung und Actioneinlagen wie bei Stirb langsam 3?“

@sefa_nie: „In etwa dieses Level von Fremdschämen peilen wir anscheinend an, ja“

@Beschwerdinator: „Das wird StarWars, Harry Potter und vor allem die Lindenstraße bei weitem in den Schatten stellen… Wann läuft die erste Staffel noch mal?“

@FotoRagazzo: „Letzte Szene: Frühstück nach Aufräumaktion auf d.Landebahn Flughafen. Mit Franz- u. Fischbrötchen. Und Nutella, Käsekuchen u. Kaffee. OFF.“

Quelle: G20-Drehbuch per Twitter: „Das Wunder von Hamburg“

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USA, Land der Apokalypse

Die biblischen Erzählungen von Endzeit und Gottesreich sind amerikanische Urmythen. Doch mit dem apokalyptischen Denken von Donald Trumps Beratern setzt sich ein neuer Geist durch.

Von Jörg Häntzschel

Inaugurations-Reden sind üblicherweise Pathosopern, deren Hauptzweck darin besteht, die politischen Gegner zu umarmen, im Inland Optimismus zu verbreiten und im Rest der Welt guten Willen. Was also war bei Donald Trump los? „Rostige Fabriken stehen verstreut in der Landschaft … wie Grabsteine“, tönte er. „Verbrechen, Gangs und Drogen haben viel zu viele Leben gestohlen.“ „Der Reichtum der Mittelklasse wurde aus ihren Häusern gerissen.“ „American carnage“, amerikanisches Blutbad, war der Begriff, mit dem er die Realität seines Landes zusammenfasste. Er hielt eine Rede, die wirkte wie dekoriert für Halloween. Seit dem Wahlkampf setzt Trump diese Gothic-Rhetorik fort: Die Zahl der Morde sei auf dem höchsten Stand seit 47Jahren, sagte er kürzlich, obwohl sie 2014 auf dem niedrigsten Stand war. Ohne sein Einreiseverbot drohe unmittelbare Gefahr für das Land, meint er, obwohl kein Angehöriger der sieben Staaten in den USA je einen Terroranschlag begangen hat.

Doch das ist nur die eine Hälfte des Narrativs. Die andere, ebenfalls aus Trumps Rede vom 20. Januar, lautet: „Von diesem Tag an wird eine neue Vision unser Land führen.“ „Wir stehen an der Geburt eines neuen Millenniums, bereit, die Geheimnisse des Weltalls zu erschließen, die Erde vom Elend der Krankheiten zu befreien, die Energiequellen, Industrien und Technologien von morgen zu erschließen.“ Die Lage sei ernst, doch Amerika sei ja geschützt, durch Militär, Polizei und Gott.

Vielleicht meinte Trump mit „Millennium“ nur das dritte Jahrtausend. Viele seiner Anhänger werden etwas anderes verstanden haben: das 1000-jährige Reich Gottes nämlich, von dem in der Offenbarung des Johannes die Rede ist. Trump ist der am wenigsten religiöse Präsident der letzten Jahrzehnte. Aber wie kein anderer hat er seinen politischen Durchmarsch auf die Apokalypse-Vorstellung gegründet, den biblischen Mythos, der zum amerikanischen Nationalmythos geworden ist.

In den USA hat man die Apokalypse immer wörtlich verstanden

Viele Europäer haben nur noch vage Vorstellungen von der biblischen Apokalypse-Erzählung. Sie würden das Wort mit Weltuntergang übersetzen und ihn sich ausmalen wie den Untergang eines Schiffs, als finale Katastrophe. Für sie ist die Weltuntergangsangst so mittelalterlich wie die Vorstellung von der Erde als Scheibe. Umso schockierender war es, als im 20. Jahrhundert mit dem atomaren Wettrüsten das Weltuntergangsszenario als reale Gefahr auch für Aufgeklärte zurückkehrte.

Die apokalyptische Erzählung der Offenbarung mit der Endzeit, der Großen Trübsal, dem Zweiten Kommen von Jesus Christus und dem Millennium, also dem Tausendjährigen Reich, das dieser Wiederkunft folgen soll, wird in europäischen Kirchen meist nur noch allegorisch verstanden. Die „prämillenaristische“ Vorstellung einer düsteren Ära der Katastrophen, die dem paradiesischen Millennium vorausgeht, und vor der, so glauben einige, Jesus die guten Christen zu sich in den Himmel holt, ist von viel unverbindlicheren und optimistischeren Interpretationen verdrängt worden: Nach der „postmillenaristischen“ wirken die Christen selbst an der Errichtung des Gottesreichs mit, in dem wir bereits leben, und bereiten damit den Boden für die Wiederkehr Jesu. Nach dem gängigen „amillenaristischen“ Verständnis ist das Reich Gottes ohnehin nur symbolisch zu deuten.

Ganz anders ist es in den USA. Unter den puritanischen Siedlern war der Glaube verbreitet, man habe die Endzeit im heimischen England bereits erlebt und stehe nun mit der Ankunft in Amerika am Beginn des 1000-jährigen Gottesreichs. Sie kombinierten also die zeitliche Abfolge der Ereignisse, von denen in der Bibel die Rede ist, mit einer räumlichen Dimension. Das „Neue Jerusalem“ war kein Zeitalter, sondern ein Ort, der amerikanische Kontinent, und die Siedler hatten die Mission, es aufzubauen. Der Mythos wurde immer wieder gedreht und gewendet. Über weite Strecken der Geschichte traten die dramatischeren apokalyptischen Aspekte in den Hintergrund. Was blieb, war die Vorstellung von Amerika als „God’s Own Country“, einem göttlich privilegierten Ort, und „Shining City on a Hill“, einem leuchtenden Vorbild für die Welt. Die Apokalypse-Vorstellung wurde zum Kern der Nationalmythologie. Der Ideenhistoriker und Philosoph John Gray spricht von der „Amerikanisierung der Apokalypse“.

Amerikanische Politiker haben in Krisenzeiten immer wieder auf diese Idee zurückgegriffen. Sie diente dazu, eine zusammengewürfelte Bevölkerung zu einen; rechtfertigte das Abschlachten der Indianer; machte die Unbill der Kolonisierung erträglicher, indem es die Besiedelung des Westens in eine universale Mission einbaute; und kompensierte Amerikas Vergangenheitslosigkeit durch eine aus der Zukunft hergeleitete Teleologie.

Die Neocons wollten Amerikas Werte in der Welt durchsetzen. Sie sind gescheitert

Und auch die bedrohlicheren Elemente des Mythos wurden bei Bedarf immer wieder abgerufen. Im Wahlkampf 1912 rief Theodore Roosevelt seinen Unterstützern zu: „Wir stehen vor dem Armageddon und wir kämpfen für den Herrn.“ George W. Bush sprach vom 11. September 2001 als „Tag des Feuers“. Und Al Gore warnte vor dem Klimawandel mit den Worten: „Die (apokalyptischen) Reiter machen ihre Steigbügel fertig.“ Die Apokalypse-Idee mobilisiert nicht nur für den Kampf Gut gegen Böse, sie produziert auch moralische Eindeutigkeit. Mit dieser Idee wurde im Kalten Krieg zwischen USA und dem „Evil Empire“ (so nannte Reagan 1983 die Sowjetunion) Geopolitik gemacht.

Nirgends auf der Welt wird die Apokalypse so buchstäblich verstanden wie in den USA

In säkularer Form ist die Vorstellung dieses Endkampfs und die von der Zerschlagung des Bestehenden in der Hoffnung auf den folgenden paradiesischen Zustand, die Grundlage jeder Utopie. Französische Revolution, Kommunismus, Hitlers„Tausendjähriges Reich“, sie alle stützten sich auf apokalyptische Ideen.

Doch nirgends auf der Welt wird die Apokalypse so buchstäblich verstanden, nirgends ist sie so präsent wie in den USA. Alle Kirchengründungen, die Adventisten, die Mormonen und die Zeugen Jehovas, stellen sie ins Zentrum ihrer Lehre. Auch die Popkultur ist davon durchdrungen: von naiven Heilsgedanken („Heal the world, make it a better place, for you and for me and the entire human race“) bis zu den Untergangs- und Errettungsplots der Katastrophenfilme. In der 16-bändigen Romanserie „Left Behind“ (deutsch: „Finale – Die letzten Tage der Erde“) wird die biblische Apokalypse in Thriller-Manier nacherzählt. Die Romane haben sich 65 Millionen Mal verkauft und sind Fundament eines christlich-fundamentalen Medienimperiums mit etlichen Spin-off-Serien, 40 Kinderbüchern, Filmen und Videospielen, die von nichts handeln als der Endzeit.

Nach dem Untergang der Sowjetunion hätte Amerika sich als Sieger fühlen können. Doch das genügte nicht. Es galt, das eigene System aus Demokratie und Kapitalismus weltweit durchzusetzen. Das war der heilige Auftrag der Neocons. Der 11. September kam ihnen, so gesehen, gar nicht ungelegen. Und dass die Terroristen im Namen des Islam auftraten, erlaubte der Bush-Regierung nun ebenfalls offen zu ihrer religiösen Inspiration zu stehen. „Das apokalyptische religiöse Denken ist … ohne säkulare Tarnung zu einem bestimmenden Faktor der Weltpolitik geworden“, so John Gray. Folter, Präventivkrieg, Drohnenangriffe – für all das lieferte das apokalyptische Denken die Legitimation.

Doch die Neocons sind gescheitert. Die Kriege ließen sich nicht gewinnen, Bagdad und Kabul sind von Frieden und Demokratie weiter entfernt denn je. Und an der Wall Street brach 2008 fast das Finanzsystem zusammen. Amerika, Vorbild der Welt, Befreier Europas von Hitler, Bote der Freiheit – das hatte keine Kraft mehr. Statt mit einer Utopie warb Obama mit tautologischer Hoffnung auf Hoffnung – und selbst diese wurde enttäuscht. Amerikas missionarischer Impetus hat nicht nur den Schwung, sondern auch das Ziel verloren.

Die Zukunft? Amerikanische Wiedergeburt oder „omnizidales Armageddon“

So sieht es auch Stephen Bannon, früher Chef der rechten Krawall-Website „Breitbart“, heute Einflüsterer von Trump und Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat. Doch während andere eine Sinnkrise diagnostizieren, ist die Krise für ihn Teil eines großen, kryptometaphysischen Plans, den William Strauss und Neil Howe in ihrem 1997 erschienenen Buch „The Fourth Turning“ postuliert haben. Die Geschichte, so behaupten sie, verlaufe in 80- bis 100-jährigen Zyklen, die in je vier Phasen geteilt sind. Die vierte dieser Phasen mündet jeweils in einen Krieg: Amerikanische Revolution, Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg, worauf „The High“, die erste Phase eines neuen Zyklus, eine Phase des Neuanfangs und der Wiedergeburt, beginnt.

 2010 drehte Bannon den Dokumentarfilm „Generation Zero“. Eigentlich geht es da um die Finanzkrise. In Wahrheit beschwört er – untermalt von dräuender Musik, bebildert mit Gewitterwolken, faulendem Gemüse und toten Soldaten an Stränden – den Anbruch jener Krisenphase aus der Pseudowissenschaft von Strauss und Howe. Die Befunde sind teils altbacken, teils überraschend. Von den Hippies, mit denen der Niedergang begann, führt ein Weg zur Bankenkrise. Und die ist Vorbote eines fürchterlichen Kriegs, den Bannon nicht so sehr zu fürchten als herbeizusehnen scheint. Es gab andere Apokalyptiker im Weißen Haus, aber noch nie einen radikalen Untergangsprediger wie ihn.

„Der Jüdisch-Christliche Westen bricht zusammen“, erklärte er 2011. „Wir sind in einem 100-jährigen Krieg gegen den radikalen Islam.“ 2016 prophezeite er: „In den nächsten fünf bis zehn Jahren ziehen wir in den Krieg im Südchinesischen Meer.“ Und im Vatikan sagte er: „Wir befinden uns in einem offenen Krieg gegen dschihadistischen, islamistischen Faschismus.“

Strauss und Howe sehen unterschiedliche Ausgänge für die gegenwärtige Krise: Amerikas Wiedergeburt, seinen Untergang, das Ende der modernen Gesellschaft und das Ende der Menschheit in einem „omnizidalen Armageddon“. Krieg ist also unausweichlich, er ist schon im Gange, und je früher man das erkennt, desto größer die Chancen, den Feind, „radikalen islamischen Terrorismus“, „vollständig von der Erdoberfläche zu entwurzeln“ (so Trump bei der Inauguration).

„Es ist Krieg“, predigt Bannon. „Es ist Krieg. (…) Amerika ist im Krieg. Wir sind im Krieg.“ Nur ist es kein Krieg mehr um des Friedens, sondern ein Krieg um des Krieges willen.

Quelle: USA, Land der Apokalypse

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5.000 Minibürger protestieren zum G20 im Miniatur Wunderland

Hamburg war in den letzten Wochen Schauplatz von vielen sehr guten kreativen und friedlichen Protestaktionen. Anstelle Bilder und Worte über Zerstörung, Gewalt und gegenseitigen Anschuldigungen ständig zu wiederholen, wollen wir Bilder und Worte des kreativen Protests sprechen lassen. Die vermutlich kleinste Demonstration zum G20 in Hamburg fand nicht auf der Straße, sondern drinnen statt. Insgesamt 5.000 Minibürger haben im Miniatur Wunderland in der Speicherstadt, in direkter Nachbarschaft zur Elbphilharmonie, mit Botschaften für eine bessere Welt demonstriert. Bild und Video: Miniatur Wunderland / Screenshot Facebook Video Aufgestellt wurden die Mini-Demonstranten durch die Betreiber des Hauses. Dafür haben sie im Vorfeld über Facebook und die Website dazu aufgerufen, seine Ideen und Forderungen für eine bessere Welt zu artikulieren. Die eingegangenen Demonstrationsbotschaften haben sie dann auf kleine Schilder und Transparente geschrieben und zusammen mit Modellbaufiguren im Hamburgteil des Museums platziert. Video: ZDF heute Dieser Beitrag ist Teil der Serie: Kreativer Protest zum G20. Gemeinsam kreativen Protest sprechen lassen: Habt ihr noch mehr kreativen, friedlichen Protest zum G20 in Hamburg gesehen oder sogar selbst organisiert? Schickt uns gerne Bilder, Links und Hinweise per Email an post ÄT urbanshit.de. Wir veröffentlichen nach Prüfung kreative Protestformen.

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„Wir werden von der Politik verheizt“ – Polizisten erzählen

Nach dem Einsatz gegen Stuttgart-21-Gegner und vor dem Castor-Transport nach Gorleben erheben Polizisten schwere Vorwürfe.

Er war mit seiner Hundertschaft mitten im „Kampfgetümmel“, sagt Polizeikommissar Thomas Mohr, 48. Ende September und Anfang Oktober, im Stuttgarter Schlossgarten bei den Großdemonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt, bei denen Polizeikräfte Wasserwerfer, Schlagstock und Pfefferspray gegen „friedlich demonstrierende Bürger, Kinder, Rentner und brave Schwaben“ einsetzten. Ein Schock für den baden-württembergischen Ordnungshüter. Den Einsatz von Kollegen, den er aus den geschlossenen Reihen seiner Hundertschaft „wie ohnmächtig“ mit angesehen hat, kann er bis heute nicht verstehen. 400 Demonstranten wurden dabei verletzt. Er macht ihn wütend, lässt ihn zweifeln. „Wir werden von der Politik immer mehr missbraucht und verheizt. Zweckentfremdet und benutzt, der Imageschaden für uns Polizisten, die per Treueschwur und Dienstbefehl für die Regierung den Kopf da draußen auf der Straße hinhalten müssen, ist durch Stuttgart enorm“, schimpft der Mannheimer Beamte mit 25 Jahren Einsatzerfahrung. „In Stuttgart wackelte die Demokratie. Das darf nie wieder passieren.“

Als „Kinderschänder“, „Blutbullen“ und „Erfüllungsgehilfen“ haben Stuttgarter Demonstranten ihn und die anderen seiner mit Absperraufgaben betrauten Hundertschaft an den ersten Oktobertagen nach den gewaltsamen Polizeiübergriffen beschimpft. Eine Rentnerin, gepflegt, gut gekleidet, augenscheinlich „keine Berufsdemonstrantin“, habe ihm vor lauter Wut über das Geschehene den Ellenbogen in den Bauch gerammt. „Das hat mir körperlich nicht wehgetan, doch es hat mich innerlich tief getroffen“, sagt der kritische Kommissar, der in seiner Freizeit Kinder- und Jugendbetreuer ist und sich ehrenamtlich für die Gewerkschaft der Polizei engagiert.

Thomas Mohr kratzt sich am Kinn, schüttelt den Kopf, sucht nach Worten: „In der sonst so ruhigen Hauptstadt der Schwaben wurde ein Exempel statuiert, Macht demonstriert, ganz sicher auch schon mit Blick auf den nächsten Castor-Transport. Stuttgart ist wohl nur Teil eines großen Puzzles. Die Politik vergackeiert uns zunehmend, und, was noch schlimmer ist, sie ignoriert den Willen der Bevölkerung“, sagt er und zeigt auf seinem Computerbildschirm ein Bild der neuen Generation von Wasserwerfern. Sie stehen kurz vor der Auslieferung: blaue futuristische Ungetüme, die noch mehr Liter fassen und wie Panzer aussehen. Thomas Mohr wendet seinen Blick vom Bildschirm ab und guckt aus dem Fenster in den blauen Himmel über Mannheim. „Wenn man scharfe Kampfhunde, ich meine die Polizei-Spezialeinheiten, mit zu einer Demonstration nimmt und sie dann auch noch ohne ersichtlichen Grund von der Leine und räumen lässt, dann beißen sie ohne Erbarmen zu. Dafür wurden sie gedrillt und ausgebildet. Das wussten die, die für den Einsatz verantwortlich waren, ganz genau. Sie mussten das Okay von oben haben. Von ganz oben. Mindestens vom Innenministerium.“

Mit „scharfen Kampfhunden“ meint Thomas Mohr die schwarz und dunkelgrau gekleideten, meist sehr jungen Kollegen von den Beweis- und Festnahmeeinheiten (BFE), die beim Stuttgarter Einsatz größtenteils von der Bundespolizei und aus Bayern kamen.

Der Polizist sitzt in seinem Dienstzimmer im zweiten Stock eines grauen Hauses in Mannheims Innenstadt. An einigen Zimmertüren hängen Stuttgart-21-Aufkleber. Schwarze Schrift auf gelbem Untergrund, von unten links nach oben rechts rot durchgestrichen. Zeichen und Symbol der Bahnhofsgegner. Nach dem Wasserwerfer-Tränengas-Schlagstock-Einsatz sympathisieren noch einige Beamte mehr aus Mohrs Hundertschaft mit den Gegnern des milliardenteuren Bahnhof-Projekts. Er selbst will auch nicht, dass der Bahnhof gebaut wird.

Werde er noch einmal Zeuge einer solchen „Gewaltorgie“, bekomme er gar selber den Befehl, gegen friedliche Demonstranten den Schlagstock einzusetzen, werde er von dem in den Beamtenstatuten definierten Remonstrationsrecht Gebrauch machen: Nach Vorschrift des Beamtenrechts muss der Beamte dienstliche Handlungen auf ihre Rechtmäßigkeit prüfen. Hat er Bedenken gegen eine Weisung, kann er seinen Vorgesetzten gegenüber remonstrieren, gegen die Ausführung der Weisung Einwände erheben. Remonstrierer werden bei Beförderungen gerne übergangen, gelten als Querulanten, weiß Thomas Mohr: „Doch die Situation in diesem Herbst ist so ernst, sie erfordert auch aus den Reihen der Einsatzkräfte Beamte, die den Mund aufmachen. Was in Stuttgart passiert ist, war falsch. Ich war dabei. Ich schäme mich dafür.“

Die Politik sorge mit ihren Entscheidungen für immer mehr gesellschaftliche Konflikte, die Polizei werde zunehmend als Puffer zwischen Politik und Gesellschaft missbraucht, die Verlässlichkeit in politische Entscheidungen scheine einer großen Nähe zur Wirtschaftslobby gewichen zu sein, die innere Sicherheit stehe kurz vor dem Kollaps, beklagte kürzlich Konrad Freiberg, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, in deutlichen Worten.

Derzeit versehen zwischen Bayern und Schleswig-Holstein 239 000 Polizeibeamte ihren Dienst. 10 000 Stellen wurden allein in den letzten zehn Jahren gestrichen. Die Einsätze werden jedoch immer zahlreicher und schwieriger. Rücken die Hundertschaften zu Fußballspielen aus, zu Aufmärschen von Neonazis oder zu Demonstrationen und Krawallen von Linksautonomen, sind die Fronten noch klar. Hooligans, Rechte, schwarze Blöcke und die sogenannten Berufsdemonstranten müssen in Schach gehalten werden. In Stuttgart oder Gorleben jedoch stehen die Polizisten breiten, größtenteils friedlichen Bürgerbewegungen gegenüber.

Dauerbelastung, Stress und unzureichende psychologische Betreuung gehen zunehmend an die Substanz der uniformierten Staatsmacht. Nach einer Studie der Hochschule Magdeburg-Stendal fühlen sich rund 25 Prozent der Bundespolizisten und zehn Prozent der Landespolizisten ausgebrannt. „Wir haben einen außergewöhnlich hohen Krankenstand in vielen Behörden, manchmal sind es 30 Tage pro Beamter pro Jahr. Das Burn-out-Syndrom wird zunehmen und ein noch ernsteres Problem werden“, erklärt Polizeiberater und Lehrtrainer für Stress, Erich Traphan, 61, von der Fachhochschule Münster. „Und die Suizidraten unter Polizisten in einigen Bundesländern sind durchaus besorgniserregend. Viele Polizisten erleben in einem Monat mehr Hochstress-Situationen als ein Durchschnittsbürger in seinem ganzen Leben.“ Traphan hat schon vor Jahren ein Antistress-Trainingsprogramm für Beamte entwickelt. Der Ansturm ist groß. Es gibt Wartelisten, die immer länger werden.

Hannes Hecht (Name geändert), in Hamburg aufgewachsen, ist noch keine 30 Jahre alt und sehr vorsichtig. Der Treffpunkt für das Gespräch liegt weit weg von seiner Dienststelle in einer norddeutschen Großstadt. Er ist fast zwei Stunden mit dem Auto gefahren. Er möchte nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen, sagt er: „Kritik an die Politik aus den Reihen der Einsatzpolizei ist leider noch eine sehr zarte Pflanze. Ich hoffe, sie kriegt jetzt einen Wachstumsschub.“ Hannes Hecht, Jeans, hellblaues Hemd, frisch rasiert und akkurate Frisur, strebt eine Karriere beim Landeskriminalamt an. Alles lief glatt. Zielfahnder sei sein Traumjob, sagt er. Das Abitur hat er mit einem Zweierdurchschnitt gemacht, die Polizeiführungsakademie besucht, Erfahrungen im Rauschgift- und im Betrugsdezernat gesammelt, komplizierte Fälle aufgeklärt. Er hat bereits einige Sprossen auf der Karriereleiter erklommen. Doch vor wenigen Wochen ist er ausgerutscht.

Als seine Einheit nach Stuttgart verlegt werden sollte, stellte er einen Urlaubsantrag, weil er den Einsatz nicht mittragen konnte. Und wollte. Er hat verwandtschaftliche Beziehungen nach Stuttgart. Er ist auch ein Bahnhofsgegner. „Ich weiß, dass wir bei brisanten Großdemos verdeckt agierende Beamte, die als taktische Provokateure, als vermummte Steinewerfer fungieren, unter die Demonstranten schleusen. Sie werfen auf Befehl Steine oder Flaschen in Richtung der Polizei, damit die dann mit der Räumung beginnen kann. Ich jedenfalls bin nicht Polizist geworden, um Demonstranten von irgendwelchen Straßen zu räumen oder von Bäumen runterzuholen. Ich will Gangster hinter Gitter bringen“, erklärt er, wohl wissend, dass Karrieren junger Polizisten nur durch die Einsatzhundertschaften gehen, die auch er durchlaufen muss.

Sein Urlaubsantrag wurde abgelehnt. Der Vorgesetzte drohte vor versammelter Truppe, dass Beamte, die sich vor solchen Einsätzen krankmeldeten oder beim Einsatz durch Zurückhaltung auffielen, Ärger bekämen. Und unter vier Augen steckte er Hannes Hecht, dass er seine Karriere vergessen, maximal noch Dorfpolizist werden könne, wenn er sich bei dem Einsatz nicht bewähre.

Schlimm sei es für ihn in Stuttgart gewesen, sich beschimpfen zu lassen als „staatshöriger Vollstrecker“ und „vorauseilender Gehorsamer“. Das tue weh, frustriere und sei nicht gut fürs innere Gleichgewicht: „Ich erkenne mit mehr als nur Magengrummeln, dass der Staat, dem ich diene und der mich damit beauftragt, Recht und Gesetz durchzusetzen, selbst in seinen inneren Strukturen immer weniger freiheitlich und demokratisch ist.“

Seinen Job zu kündigen kommt für den norddeutschen Polizisten jedoch nicht infrage. Das kann er sich nicht leisten: Er ist frisch verheiratet, seine Frau hat gerade das zweite Kind bekommen – und er hat nichts anderes gelernt als Polizist. Wenn er beim Landeskriminalamt endlich fest im Sattel sitze, werde er zu keinen Demonstrationen mehr beordert, hofft er.

Anfang November wird seine Hundertschaft jedoch erst mal beim Castor-Transport eingesetzt. Wohl in der „heißen Zone“, kurz vor dem Zwischenlager in Gorleben, der vorläufigen Endstation des Atommülls. Und er wird im Wendland unter Beobachtung seiner Vorgesetzten stehen, das weiß Hannes Hecht ganz genau: „Gorleben macht mir jetzt schon Albträume. Es ist nicht einfach nur der Ort, wo der nächste Castor hingeht und wo ein zweifelhaftes Endlager gebaut wird. Gorleben ist für mich ein gefährliches Gespenst, vor dem ich Angst habe.“

Eckhard Groß, 63, pensionierter Hauptkommissar, verheiratet, zwei Söhne, nimmt einen Schluck vom Kaffee, den seine Frau frisch gebrüht hat. Von seinem Wohnhaus in dem kleinen Dorf Liepe sind es gerade mal acht Kilometer Luftlinie bis nach Gorleben. Der Rand des Salzstocks, in dem das Endlager gebaut werden soll, liegt direkt unter seinem Grundstück. Er sei schon immer Atomkraftgegner, ein „grüner Bulle“ gewesen, sagt er: „Ich bin früh zu dem Schluss gekommen, dass man hier in der tiefsten, dünn besiedelten Provinz der Atomlobby, manche sagen Atommafia, Tür und Tor öffnet und den Weg bereitet. Die jüngst wieder verlängerten Laufzeiten kotzen mich an. Eigentlich würde ich gerne so manchen Politiker wegen Verdachts der Korruption anzeigen.“

Eckhard Groß winkt ab, bevor er sich in Rage redet. Er lehnt sich zurück und fährt sich mit der Hand durchs dichte graue Haar. „Politik ist der kleine Raum, den die Wirtschaft ihr lässt. Hat vor gut 20 Jahren mal ein kluger Mann gesagt. Kann man nicht viele Argumente dagegen bringen, oder? Gerade hier im Wendland nicht.“

Beim Castor-Transport wird der Ex-Hauptkommissar mit demonstrieren. Er will verhindern helfen, dass der Castor ankommt. Diesmal, sagt er, könne er aufgehalten werden. Und dann, wohin mit dem Atommüll? „Diese Suppe sollen diejenigen auslöffeln, die sie uns eingebrockt haben“, antwortet Eckhard Groß, der „heilfroh“ ist, dass er dabei seinen Kopf nicht mehr als Ordnungshüter hinhalten muss. Die Uniform und alles, was ihn an seinen aktiven Polizeidienst erinnert, hat er sofort nach der Pensionierung entsorgt.

Quelle: „Wir werden von der Politik verheizt“ – Polizisten erzählen

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Militärroboter: Wenn Terminatoren Terroristen jagen

Robotik und künstliche Intelligenz zum Vorteil der Menschen zu nutzen, das hoffen viele. Aber die Sorge, dass es auch anders kommen könnte, hat offenbar auch im militärischen Diskurs mehr Raum gewonnen.

Das waren ungewöhnliche Töne beim Forum Unmanned Vehicles 6 der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT) in Bonn-Bad Godesberg. Es könne einem angst und bange werden angesichts der technologischen Möglichkeiten, die sich abzeichneten, sagte der DWT-Vorsitzende General a.D. Rainer Schuwirth in seinem Schlusswort.

Zwar betonte er auch seine Zuversicht, dass es gelingen werde, die Technologien der Robotik und künstlichen Intelligenz zum Vorteil der Menschen zu nutzen. Aber die Sorge, dass es auch anders kommen könnte, hat offenbar auch im militärischen Diskurs mehr Raum gewonnen.

Mehr als Science Fiction

Michael Lauster (Fraunhofer INT) hatte in seinem Vortrag zum Abschluss des Forums dafür auch einige Munition geliefert – in Wort und Bild. Für die Figuren aus dem Film „Transformers“, die auf der ersten Folie zu sehen waren, schien sich Lauster fast entschuldigen zu müssen. „Man findet auch in einfach gestrickten Filmen immer wieder interessante Ideen“, sagte er.

Im Fall der Transformers sei das zum Beispiel die Wandelbarkeit. Natürlich sei so eine Eigenschaft wünschenswert, etwa in Gestalt tauchfähiger Flugzeuge. In seinem Überblick über Robotertechnologien in zukünftigen militärischen Szenarien, bei dem er sich in Anlehnung an den Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke bewusst über die Grenzen des derzeit Möglichen hinaus wagte, bot Lauster ein beeindruckendes Panorama: von riesigen autonomen Flugzeugträgern und fliegenden Mutterschiffen, die kleinere Fluggeräte transportieren (Darpa Gremlins, BEA Transformers), über Drohnen, die sich wie Raubvögel Soldaten im Flug greifen, zu „Smart Dust“ – winzigen, kaum wahrnehmbaren Partikeln, die als intelligenter Schwarm überm Feindesgebiet ausgestreut werden.

Das sei keine Science-Fiction, betonte Lauster, bereits 2015 sei es gelungen, einen kompletten Computer im Volumen von einem Kubikmillimeter unterzubringen. Miniaturisierung sei ein entscheidender Aspekt der technologischen Entwicklung, ebenso die unvermeidlich zunehmende Autonomie der Systeme. Es gebe ein hohes Potenzial für einen Rüstungswettlauf, der erheblich schwerer zu kontrollieren sein dürfte als bei den Nuklearwaffen.

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