Online-Aktivist: FBI-Akte über Aaron Swartz veröffentlicht – SPIEGEL ONLINE – Netzwelt

Online-Aktivist FBI-Akte über Aaron Swartz veröffentlicht

Einen Monat nach dem Tod des Online-Aktivisten Aaron Swartz hat ein Blogger dessen FBI-Akte angefordert und veröffentlicht. Das Dokument zeigt, warum und mit welchen seltsamen Methoden die Bundesbehörde schon 2008 gegen Swartz ermittelte – zwei Seiten fehlen allerdings.

 

Internetaktivist: Schon 2008 ermittelte das FBI gegen Aaron Swartz

REUTERS

Internetaktivist: Schon 2008 ermittelte das FBI gegen Aaron Swartz

Am 11. Januar wurde Aaron Swartz tot in seiner Wohnung in Brooklyn aufgefunden.Nun hat der Blogger Daniel Wright die FBI-Akte des Online-Aktivisten und Mitbegründers der Website Reddit im Internet veröffentlicht. Die US-Bundesbehörden machen Ermittlungsakten nach dem Tod der betreffenden Person automatisch zugänglich. Wright forderte eine Kopie an, obwohl er nicht glaubte, dass eine solche Akte überhaupt existiert. Denn seiner Meinung nach war Swartz „nicht wirklich ein Krimineller“.

 Doch das FBI schickte 21 Seiten. Sie zeigen: Die Behörde wurde 2008 auf Aaron Swartz aufmerksam, als er die Bezahlschranken der Justizdatenbank Pacer umging und 18 Millionen Seiten kostenpflichtiger Dokumente herunterlud. 20 Prozent des gesamten Bestands, die er anschließend gratis ins Netz stellte. Während Beobachter wie dailydot.com die Aktion nicht für illegal halten, weil Swartz bloß ein Schlupfloch genutzt habe, sprach das FBI damals von 1,5 Millionen Dollar Schaden und begann zu ermitteln.

Schwer zu observieren

Die Bundesagenten verfolgten die IP-Adressen der Downloads zu Swartz‘ Haus nahe Chicago zurück. Die Überwachung des Gebäudes war jedoch schwieriger als gedacht: Zu viele Bäume und Häuser seien im Weg, zu wenig andere Autos parkten auf der Straße, vermerkten die Agenten in der Akte. Das Risiko, entdeckt zu werden, sei zu groß. Die Observierung wurde abgeblasen.

Stattdessen versuchte das FBI, auf anderen Wegen etwas über den Aktivisten herauszufinden: Die Ermittler kopierte Informationen aus dem Internet. In der Akte finden sich Angaben aus Swartz‘ Facebook-Profil, von seinem Blog oder seiner Seite bei LinkedIn. Etwa dass er Mitglied einer Organisation namens „Langzeit-Planungskomitee für die menschliche Rasse“ sei. „Ein Tipp für Straftäter“, spottet ein Daily-Dot-Autor darüber: „Wenn du das FBI auf eine falsche Fährte locken willst, streue einfach ein paar Lügen in deinem Social-Media-Auftritt.“

Lebensgefahr für Informanten?

Bei seinem nächsten Coup hatte Swartz weniger Glück. 2010 zapfte er im Massachusetts Institute for Technology (MIT) fünf Millionen wissenschaftliche Artikel aus der digitalen Bibliothek JSTOR ab. Das MIT sah von einer Klage ab, doch die Justiz war weniger nachsichtig. Swartz wurde wegen Betrugs und Datendiebstahls angeklagt, ihm drohten bis zu 35 Jahren Haft und eine Million Dollar Geldstrafe. Doch bevor der Prozess beginnen konnte, fand Swartz‘ Freundin ihn im Januar tot in seiner Wohnung.

Zum Pacer-Fall habe das FBI ihm nur 21 von 23 Seiten der Ermittlungsakte geschickt, schreibt Daniel Wright, zwei Seiten seien zurückgehalten worden. Unter anderem mit der Begründung, dass andernfalls das Leben eines Menschen in Gefahr sei. Ist das ein Hinweis auf einen Informanten in Swartz‘ Umfeld? Diese Frage stellt sich Wright nun und schreibt: „Ich bin ehrlich gesagt immer noch verwirrt.“

tib

Quelle: Online-Aktivist: FBI-Akte über Aaron Swartz veröffentlicht – SPIEGEL ONLINE – Netzwelt

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1 Antwort zu Online-Aktivist: FBI-Akte über Aaron Swartz veröffentlicht – SPIEGEL ONLINE – Netzwelt

  1. joe sagt:

    Ich finde den Menschen und seine Aktionen grossartig. Vieles lässt sich auch
    auf andere Lebensbereiche übertragen Deshalb hier zum Nachlesen sein Manifest:

    Manifest des Guerilla Open Access

    Information ist Macht. Und wie bei jeglicher Macht gibt es jene, die sie für
    sich behalten wollen. Das komplette wissenschaftliche und kulturelle Erbe der
    Welt, über Jahrhunderte in Büchern und Fachzeitschriften veröffentlicht, wird
    mehr und mehr von einer Handvoll privater Konzerne digitalisiert und
    weggeschlossen. Möchtest du die Papers mit den bekanntesten wissenschaftlichen
    Ergebnissen lesen? Dann musst du enorme Summen an Verleger wie Reed Elsevier
    senden.

    Einige Leute wehren sich, um dies zu ändern. Die Open-Access-Bewegung kämpfte
    tapfer um dafür zu sorgen, dass Wissenschaftler ihre Urheberrechte nicht
    abgeben, sondern stattdessen sicherstellen, dass ihre Arbeit im Internet
    veröffentlicht ist, unter Bedingungen, die jedem darauf Zugriff erlauben. Aber
    selbst im besten Fall wird sich ihre Arbeit nur auf zukünftig veröffentliche
    Werke auswirken. Alles vor dem jetzigen Zeitpunkt wird verloren sein.

    Dieser Preis ist zu hoch. Akademiker zwingen, für das Lesen der Arbeiten ihrer
    Kollegen Geld zu bezahlen? Komplette Bibliotheken scannen, aber nur
    Google-Angestellten erlauben, sie zu lesen? Studenten von Elite-Universitäten
    der Ersten Welt wissenschaftliche Artikel bereitstellen, aber nicht für Kinder
    im globalen Süden? Es ist abscheulich und inakzeptabel.

    »Ich stimme zu,« sagen viele, »aber was können wir tun? Den Firmen gehören die
    Urheberrechte, sie machen durch die Zugriffsgebühren enorm viel Geld, und alles
    ist vollkommen legal – wir können nichts tun, um sie zu stoppen.« Aber wir
    können etwas tun, etwas was bereits getan wird: Wir können zurückschlagen.

    All jene, die Zugriff auf diese Ressourcen haben – Studenten, Bibliothekare,
    Wissenschaftler – euch wurde ein Privileg gegeben. Ihr könnt an diesem Bankett
    des Wissens speisen, während der Rest der Welt ausgesperrt ist. Aber ihr müsst
    dieses Privileg nicht – tatsächlich könnt ihr es moralisch nicht – für euch
    selber behalten. Ihr steht in der Pflicht, es mit der Welt zu teilen. Und ihr
    macht es bereits: Passwörter an Kollegen weitergeben, Sachen für Freunde
    herunterladen.

    Währenddessen bleiben die Ausgesperrten nicht einfach untätig. Ihr seid durch
    Löcher geschlüpft und über Zäune geklettert, habt die von Verlegern
    weggeschlossene Information befreit und sie mit euren Freunden geteilt.

    Aber all dies läuft im Dunkeln ab, versteckt im Untergrund. Es wird Diebstahl
    und Raubkopieren genannt, als ob das Teilen eines Wissensschatzes das morale
    Äquivalent zu einer Schiffsplünderung und Ermordung der Crew wären. Aber Teilen
    ist nicht unmoralisch – es ist ein moralischer Imperativ. Nur jene von Habgier
    geblendeten würden einem Freund verweigern, eine Kopie zu erstellen.

    Große Konzerne sind natürlich von Habgier geblendet. Das ist bedingt durch die
    Gesetze, unter denen sie agieren – ihre Shareholder würden sich mit weniger
    nicht zufrieden geben. Und ihre gekauften Politiker verteidigen sie; erlassen
    Gesetze, welche ihnen die exklusive Entscheidungsmacht geben, wer Kopien
    anfertigen darf.

    Es ist keine Gerechtigkeit, ungerechte Gesetze zu befolgen. Es ist Zeit, ins
    Licht zu gehen und, in der großen Tradition zivilen Ungehorsams, unseren
    Widerstand gegen diesen kulturellen Diebstahl an der Öffentlichkeit zu
    verkünden.

    Wir müssen Information nehmen, egal wo sie gespeichert ist, unsere Kopien machen
    und diese mit der Welt teilen. Wir müssen Sachen nehmen, deren Urheberrecht
    abgelaufen ist und es zum Archiv hinzufügen. Wir müssen geheime Datenbanken
    kaufen und diese online stellen. Wir müssen wissenschaftliche Fachzeitschriften
    herunterladen und sie auf File-Sharing-Seiten hochladen. Wir müssen für Guerilla
    Open Access kämpfen.

    Mit genügend von uns, weltweit, werden wir nicht nur eine starke Botschaft gegen
    die Privatisierung von Wissen senden – wir werden es vollständig abschaffen.
    Wirst du dich uns anschließen?

    Aaron Swartz

    Juli 2008, Eremo, Italien

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